»Von den Sternen lernen«

»Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.«
(Johann Wolfgang von Goethe: Urworte. Orphisch. Dämon)

Diese acht Verse aus Johann Wolfgang von Goethes Altersgedicht ‘Urworte. Orphisch.’ (1817) haben mich zu meinem Song ‘Von den Sternen lernen’ inspiriert. Goethe unterteilt seine fünf Strophen in die Urprinzipien ‘Dämon’, ‘Das Zufällige’, ‘Liebe’, ‘Nötigung’ und ‘Hoffnung’, die für ihn die Lebensphasen des Menschen darstellen. Während der ‘Dämon’ die Geburt, ‘Das Zufällige’ für die Jugend steht, führt die ‘Liebe’ zu einer Lebenswende, in der Zwang und Wollen versöhnt werden. ‘Nötigung’ wiederum prägt die Jahre des mittleren Alters und der Arbeit, während die ‘Hoffnung’ das Alter zu bewältigen hilft. Es handelt sich hier also um eine Art Handlungsanweisung, wie die Geschichte des eigenen Lebens aufzufassen und zu schreiben sei.

Die erste Strophe (Dämon) des Goetheschen Gedichtes verweist dabei auf die Unveränderlichkeit und das Remanente sowie die Persönlichkeit eines Individuums, wodurch sich der Einzelne von jedem andern bei noch so großer Ähnlichkeit unterscheidet. Ich kann in der Selbstwahrnehmung meine Besonderheiten zur Sprache bringen, wie ich sie selber sehe – ohne mich darüber zu täuschen, dass ich ja nur einen begrenzten Blick auf mich habe. Um mich ganz zu sehen, benötige ich entweder einen Spiegel oder einen anderen Menschen, dem ich einen Blick auf mich eröffne. Zeigen sich Gegensätze zwischen dem, wie ich mich selbst wahrnehme – oder sein möchte – und wie mich der andere sieht, gehören diese Widersprüche zu meinem Dämon.

Autor und Verleger Louis Lau hat sich in einem Essay genauer mit den ersten Zeilen des Gedichtes beschäftigt: »Goethe findet den Ausdruck ‘geprägte Form’ und der Prägestempel ist ihm wie selbstverständlich das Universum und die Astrologie, als die Wissenschaft, die sich seit Beginn der menschlichen Geschichte mit dieser Prägung befasst hat. Wir Modernen, im mechanistischen Missverständnis befangen, schütteln den Kopf. Haben aber natürlich keinen Ersatz dafür. Wir haben kein Wort mehr für unseren Ursprung, haben die Prägung und die Bindung an das Prägende abgestreift und taumeln in eine uferlose Freiheit, die ohne bindenden Ursprung keine ist. ‘Dir kannst du nicht entfliehen’ sagt der Dämon – das allerdings erleben wir. Viele erleben es niedergeschlagen und zynisch. Man will sich selbst erschaffen und erkennt, dass es nicht geht. Das Leben dreht sich nicht ums Ich – was für eine Kränkung für den Götzen. Es ist aber nicht zu spät, bis zum allerletzten Augenblick ist es nicht zu spät. Die Lebensgeschichte könnte der Weg sein zur Anerkennung des Dämons.«

Das Bild, das ich für mein Lied ‘Von den Sternen lernen’ gemalt habe, zeigt den griechischen Gott Kairos. Er ist ein religiös-philosophischer Begriff für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein kann. Heute betrachten wir fast ausschließlich die Quantität der Zeit. Nach dem Polaritätsgesetz muss es zum quantitativen Aspekt der Zeit (griechisch: Chronos) auch noch einen Gegenpol geben, diesen nennen wir die Qualität der Zeit. (griechisch: Kairos). Aus diesem Wissen heraus wurde in früheren Zeiten großes Gewicht darauf gelegt, eine bestimmte Unternehmung ‘zur rechten Stunde’ zu beginnen. Hier gehörte es zu der Aufgabe der Priester, die Qualität der Zeit zu ermitteln. Auf eine Frage hin blickten dann die Priester »in die Stunde«, um die Qualität zu erfahren. Hiervon kommt das Wort »Horoskop«, denn horoskopieren heißt ‘in die Stunde blicken’ (Latein: hora = die Stunde; skopein = Blicken). Ein Horoskop ist demnach nichts anderes als die Momentaufnahme des Himmels zu einem bestimmten Zeitpunkt. Demnach ist die Astrologie nicht der Glaube an die Beeinflussung des Menschen durch die Gestirne, sie ist vielmehr ein Abbildungssystem der Wirklichkeit.

Die Geburtsastrologie bezieht ein Horoskop auf den Augenblick der Geburt, explizit auf den ersten Atemzug. Dazu schreibt der Psychologe Thorwald Dethlefsen in seinem Buch ‘Schicksal als Chance’: »Das Leben eines Menschen ist lediglich die Vergrößerung seiner eigenen Geburt. Alles, was an Schicksalsereignissen im Leben eines Menschen eintritt, muss sich mit Sicherheit bereits bei der Geburt selbst als wesentlich verkleinertes Ereignis analog gezeigt haben.«

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