Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2019

Richard Wagners romantische Oper »Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg«
Hügel-Selbstbespiegelung durch Tobias Kratzers Inszenierung

Zurzeit finden die Bayreuther Festspiele 2019 statt. Leider kann ich nicht dort sein, da es ja bekanntlich sehr schwierig ist, eine Karte für eine der Aufführungen zu erwerben. Von daher habe ich mir die diesjährige Eröffnungspremiere im Fernsehen (3sat-Mediathek) angesehen. Ich bin derart von Tobias Kratzers Inszenierung begeistert, dass ich als bekennender Opern-Fan eine eigene Einschätzung schreiben und veröffentlichen muss: Im 1. Akt ist der ehemals erfolgreiche Sänger Heinrich Tannhäuser (Stephen Gould) als Clown (in Anlehnung an Heinrich Bölls »Ansichten eines Clowns«) bei einer anarchistischen und schrillen, aber nicht sehr liquiden Tournee-Theater-Truppe gelandet und hat sich auf ein erotisches Abenteuer mit Venus (Elena Zhidkova), einem blonden Vamp, eingelassen. Sie ist die Intendantin des vierköpfigen Varietés. Das schräge Quartett, wird durch eine bärtige Drag Queen (Le Gateau Chocolat) und einen Oskar-Matzerath-Imitator (Mannie Laudenbach mit Wagner-Béret) komplettiert und ist als subkultureller Gegenpol zur bürgerlichen Hochkultur zu verstehen. Tannhäuser weiß, dass er mehr Potenzial hat, als nur auf einer Tingeltangel-Bühne den Clown zu spielen. Er trägt sein früheres Leben im Establishment sozusagen als Partitur immer bei sich: den Klavierauszug von Wagners Tannhäuser. Nach dem Mord an einem Wachmann – die Liebesgöttin überfährt ihn skrupellos – kommt es zu einem Streit. Tannhäuser wird es zu viel mit der Libertinage, sodass Venus ihn vor den Toren Bayreuths aus ihrem Tour-Bus (eine alte Citroën-Camionette Typ-H; Achtung: kein Wartburg!) wirft. Erst allein in der Dunkelheit – nur eine Caspar David Friedrich-Projektion (»Kreuz im Gebirge«) erscheint im Hintergrund – wird er dann von einer Festspiel-Platzanweiserin (Katharina Konradi) zum Grünen Hügel geleitet. Hier sieht er, wie die mittlerweile säkularisierte Gesellschaft nicht mehr nach Rom zum Papst pilgert, sondern ins Bayreuther Festspielhaus von heute, zur Tannhäuser-Aufführung. Wir sehen gewissermaßen eine Kopie des Festspielpublikums.

Tobias Kratzer inszeniert den 1. Akt im Stile eines Roadmovies. In einer raffinierten Mischung aus filmischen Elementen, Livevideos und real gespieltem Theater kommt alles sehr unterhaltend, ja fast schon kurzweilig herüber. Interessant ist auch, wie er die Bayreuther Bühnengeschichte der Nachkriegszeit in Zitaten durchspielt: Der grüne Hase auf dem Dach des Citroëns erinnert beispielsweise an Christoph Schlingensiefs »Parsifal«. Die Trash- und Videoästhetik an die »Ring«-Arbeiten von Frank Castorf.

Der Sängerkrieg auf der Wartburg im 2. Akt fällt starr, klobig und bieder aus und weckt Assoziationen an die Inszenierungen von Wolfgang Wagner in den 60er Jahren. Die Bühne ist jetzt ein in Sepia getauchtes Setting (einem Rembrandt-Gemälde sehr ähnlich), in deren Mitte ein von unten beleuchteter Laufsteg – wie wir ihn aus heutigen TV-Castingshows kennen – strahlt. Das Bühnenbild ist zweigeteilt: Unten der Festsaal der Wartburg, oben zeigt eine Videokamera in Schwarz-Weiß-Bildern, wie es Backstage zugeht. Auf dem Catwalk treten Tannhäuser und seine ehemaligen Sängerfreunde gegeneinander an. Thema des Contests: Die wahre Liebe. Der Gewinner darf Elisabeth (Lise Davidsen), die Nichte des Landgrafen (Stephen Milling) – der das ganze Spektakel auch veranstaltet –, ehelichen. Elisabeth und Tannhäuser hatten schon in der Zeit vor seinem Abschied aus der Bourgeoisie eine Liaison. In diesem Akt kommt es zum Zusammentreffen der subkulturellen Rebellen mit den hochkulturellen Spießern: Die drei verbliebenen der Kunstguerilla entern das Festspielhaus, um einen Spruch Wagners aus dessen revolutionär-aufgeladener Zeit am Balkon anzubringen: „Frei im Tun. Frei im Wollen. Frei im Genießen.“ Venus will ihren Tannhäuser zurückzugewinnen. Deshalb schleicht sie sich nach der Sponti-Aktion unter die Sängerfest-Zuschauer*innen um das hehre Event etwas aufzumischen. Tannhäuser gerät schon vor seinem Auftritt immer mehr in Erregung, da er merkt, dass die anderen Sänger von sinnlicher Liebe, wie er sie mit Venus ja erfahren hat, keine Ahnung haben. Als er dann seine Affäre mit der Liebesgöttin vor der versammelten Entourage offenbart und das Ganze zu eskalieren droht, sehen wir im oberen Bühnenteil, wie die Festspielchefin Katharina Wagner die Rufnummer 110 wählt. Die Polizei rückt darauf mit Blaulicht an, um danach mit gezückten Pistolen die Bühne zu stürmen und Tannhäuser zu verhaften. Das Urteil spricht der Herr des Hauses: Landgraf Hermann. Er bestimmt, dass Tannhäuser als Wiedergutmachung eine Pilgerreise nach Rom unternehmen muss, um die Vergebung des Papstes zu erlangen.

Der 3. Akt ist beklemmend, ernsthaft und fast ohne Filmeinspielungen. Es wird ein graues Niemandsland zwischen kahlen Bäumen und Altmetall dargestellt. Hier sehen wir die Schattenseite, das Scheitern und damit die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz. Wolfram von Eschenbach (Markus Eiche) – Tannhäusers Nebenbuhler – und Elisabeth warten auf die Ankunft der Pilgerreisenden. Die Menschen, die da kommen, sind die Ausgestoßenen der Gesellschaft, die nach brauch- oder essbarem suchen. Doch Tannhäuser ist nicht dabei. Für Elisabeth eine Tragödie. Auch der spontane und traurige Sex mit Wolfram (im schrottreifen Citroën), kann nicht über ihren Schmerz hinwegtrösten, sodass sie sich schließlich die Pulsadern aufschneidet und stirbt. Da naht Tannhäuser. Er kehrt als Obdachloser mit langen Haaren aus Rom zurück und hat beim Papst keine Vergebung gefunden. Die Antwort des Papstes liest er Wolfram aus seinem Tannhäuser-Klavierauszug vor („Romerzählung“). Frustriert und zornig verbrennt er diese im Anschluss. Er sehnt sich zurück ins Reich seiner Venus, die mittlerweile ganz in den Untergrund gegangen ist, um eine Pussy-Riot-Aktivistin zu werden. Erfolg, Geld und Ruhm sind Le Gateau Chocolat vorbehalten. Der Travestie-Künstler strahlt von einer großen Werbetafel auf den Schrottplatz herab. Wolfram bewahrt Tannhäuser davor, sich Venus wieder anzuschließen, indem er Elisabeths Namen skandiert. Tannhäuser ist daraufhin wie vom Donner gerührt, besinnt sich aber wieder und findet die tote Elisabeth blutüberströmt im Inneren des Citroëns. Während der Festspielchor nun den Schlusssatz »Der Gnade Heil ist dem Büßer beschieden, er geht nun ein in der Seligen Frieden!« intoniert, sehen wir auf einer Leinwand, Videobilder von Elisabeth und Tannhäuser, die glücklich vereint im Kastenwagen in den Sonnenuntergang fahren.

Die komplette Tannhäuser-Premiere findest du hier (bis 13.10.2019 verfügbar)

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