»Josef K.«

In seinem 1915 postum erschienenen Roman »Der Prozeß« sah der Schriftsteller Franz Kafka fast prophetisch eine Welt anonymer Überwachung vorher. Dabei rührt die Modernität seines Textes nicht zuletzt auch daher, weil wir hier Aspekte einer sich ständig individualisierenden Gesellschaft finden, welche gekoppelt ist mit stetem technischen Fortschritt und einer sich abzeichnenden totalitären Verfügungsgewalt staatlicher Institutionen über das Individuum. Hier erkennen wir auch eine Geistesverwandtschaft zu den später erschienenen Romanen »1984« von George Orwell und »Schöne neue Welt« von Aldous Huxley.

Vor allem die Türhüter-Legende »Vor dem Gesetz« im neunten Kapitel (»Im Dom«) hat zu unterschiedlichsten Interpretationen geführt. Allgemein ist zu sagen, dass der Türhüter als Sinnbild des modernen Beamten steht, der als Vertreter des anonymen Verwaltungssystems nicht mehr den ursprünglichen Sinn dieser Einrichtung, sondern nur noch deren davon losgelöste Eigendynamik verkörpert. Im Hinblick auf Kafkas »Brotberuf« (so bezeichnete er seinen Dienst selbst) in der halbstaatlichen »Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag«, wird dieser Deutungsansatz verständlich, da er als promovierter Justiziar einen beamtenähnlichen Beruf ausübte und genaue Kenntnisse der industriellen Produktion und Technik hatte. Politisch und soziologisch können wir damit die Parabel, aber auch den gesamten Roman, als Kritik an einer verselbstständigten und unmenschlichen Bürokratie und am Fehlen bürgerlicher Freiheitsrechte verstehen.

Das von mir gestaltete Plakat ist vom Schlussteil des »Dom-Kapitels« inspiriert. Dort schreibt Franz Kafka: (…) Der Mann kommt erst zum Gesetz, der Türhüter ist schon dort. Er ist vom Gesetz zum Dienst bestellt, an seiner Würdigkeit zu zweifeln, hieße am Gesetz zweifeln.« »Mit dieser Meinung stimme ich nicht überein«, sagte K. kopfschüttelnd, »denn wenn man sich ihr anschließt, muß man alles, was der Türhüter sagt, für wahr halten. Daß das aber nicht möglich ist, hast du ja selbst ausführlich begründet.« »Nein«, sagte der Geistliche, »man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig halten.« »Trübselige Meinung«, sagte K. »Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.«

Wenn ich mir vor Augen führe, wie selbstverständlich seit einigen Jahren Staatsoberhäupter Fake News verbreiten, also bewusst falsch dargestellte Nachrichten mit dem Ziel, die Öffentlichkeit für bestimmte politische und/oder kommerzielle Ziele zu manipulieren, verspüre ich eine unheimliche Aktualität Kafkas, über deren Gründe es lohnt nachzudenken.

In diesem Sinne habe ich auch meinen Song »Josef K.« komponiert und getextet.

Höre doch mal rein.

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